Der Sprachverfall fällt aus
Veröffentlicht: 30. Juni 2008 Einsortiert unter: Sprachwandel, Wortschätze | Tags: Rudi Keller, Sprachentwicklung, Sprachverfall, Sprachwandel 4 Kommentare »Der Verfall der deutschen Sprache wird mindestens seit der Romantik befürchtet, als man sie dem Greisenalter nahe sah. Nicht zuletzt deshalb haben die Brüder Grimm Zeugnisse älterer Sprachstufen gesammelt. Und wie steht es heute um das Deutsche? Ständig kommen neue Wörter mit Migrationshintergrund hinzu, in SMS grassiert der Aküfi, ins Internet schreibt auch jeder, wie er will …
Prof. Rudi Keller, Germanist an der Uni Düsseldorf, sagt dazu im Interview mit der Süddeutschen Zeitung:
Seit 2000 Jahren ist literarisch belegt, dass Menschen sich über den Sprachverfall Gedanken machen. Und doch hat noch kein Mensch jemals eine verfallene Sprache vorführen können – so etwas scheint es nicht zu geben. […] Meine generelle These ist, dass das, was Menschen aus ihrem begrenzten Blickfeld heraus als Sprachverfall wahrnehmen, im Wesentlichen nichts anderes ist als der ganz normale Sprachwandel.
Die Sorge um den Sprachverfall ist also doppelt so alt wie die deutsche Sprache selbst. Bisher hat vielfältiger Gebrauch sie immer wieder flexibel den Bedürfnissen ihrer Nutzer angepasst. Man stelle sich vor, wir wollten in der Sprache Goethes das Funktionieren eines Blogs oder die Bedienung eines Geldautomaten erklären.
Die Sprache als Ganzes nimmt dabei auch dann keinen Schaden, wenn nicht jeder einzelne Problembär Sprecher oder Schreiber sie auf höchstem Niveau benutzt. Auch zur Goethezeit überwogen jede Menge gesprochene und geschriebene Alltagstexte und empfindsame Romane, nicht die sprachliche Hochkultur. Und nur etwa jeder dritte Deutsche konnte lesen und schreiben.
Selbst eine Sprache, der die Sprecher und Schreiber ausgingen, würde nicht verfallen, sondern aussterben (vgl. Nachruf auf eine Sprache). Gelänge es den Nörglern und Aktionisten, die Sprache in einem bestimmten Zustand zu konservieren, verkäme sie auf Dauer zum folkloristischen Spielzeug. Aber auch dafür gibt es keinen Beleg. Denn wer will schon mit einem Geh-Kaffee zu »Beischlaf und die Großstadt« ins Lichtspielhaus gehen, um später darüber zu netzplaudern.
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Zum Weiterlesen, mit vielen Beispielen zur Entwicklung von Wortschatz und Grammatik: R. Keller »Ist die deutsche Sprache vom Verfall bedroht?« (hier als PDF-Datei, via).
[Nov. 2008: Der Download ist leider nicht mehr verfügbar.]
Wortwolken mit Wordle
Veröffentlicht: 22. Juni 2008 Einsortiert unter: Computer & Software, Fundsachen, Typografie | Tags: Computer, Linktipp, Wordle 5 Kommentare »Ein neues Spielzeug geht reihum auf den Blogspielwiesen. Ich habe es hier, hier, dort, da und noch anderswo gesehen, bevor ich das Wordle mit dem Text meiner Webseite hier selbst ausprobiert habe:

Wie man es von Tag-Clouds kennt, entspricht die Schriftgröße der Häufigkeit eines Wortes im Text. Schriftart und Schreibrichtung sowie Farbschema lassen sich beeinflussen.
Je nach Laune ist Wordle ein schönes Werkzeug, die Struktur von Texten zu veranschlaulichen, oder ein feines Spielzeug für die gepflegte Prokrastination. Das Ganze noch als PDF speichern – und schon habe ich nicht nichts getan, während nach diesem sonnigen Sonntag die Gewitterwolken aufziehen.
Der Charme des Webfehlers
Veröffentlicht: 1. Juni 2008 Einsortiert unter: Alltag, Wortschätze | Tags: Alltag, Fehler, Lektorat, Neuwort 1 Kommentar »Wenn Kritiker in einem Buch Fehler bemerken, ist im Zweifel immer das Lektorat schuld. Andererseits: Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob eine Korrektur dem Text nicht eine charmante Lücke nimmt, durch die etwas Eigenes weht.
In einem Romanmanuskript zum Beispiel schmachtet der Midlifecrisis-gebeutelte Held eine Studentin an, deren Kleid ihn völlig aus der Fassung bringt, weil der »Rückenausschnitt bis zur Bandscheibe« reicht. Ein »windschlüpfriges Auto« hätte sie vielleicht beeindrucken können, das aber stammt aus einem anderen Text. Ebenso wie der blickige Kommissar, dem schon im ersten Kapitel schwant, dass seine neue Bekannte »etwas im Busche führt«.
Manche der Schöpfungen haben sogar das Zeug zum Neuwort: Ein Doktorand erklärte in seiner Arbeit, was seine schlauen Grafiken jeweils »veranschlaulichen« sollen. Dieses Beutewort habe ich nach der Korrektur umgehend adoptiert.
Von den Hopi und den Navajo sagt man, dass sie in eine Ecke ihrer Teppiche stets einen Fehler weben, damit der Geist durch die Lücke hindurchwehen könne. Aber eben nur einen einzigen, sorgsam platzierten Webfehler.


