Sehr geehrte Frau K.,
ich bräuchte schnellstmöglich ein Lektorat für meine Diplomarbeit. […]
So beginnt eine E-Mail, die ich heute Morgen erhalten habe. Von einer jener Spaßmailadressen, die weder einen Absender noch eine Institution erkennen lassen. Weitere Kontaktdaten fehlen. Keine Details, kein Abgabetermin. Dafür ist die Datei der Diplomarbeit gleich angehängt, in einem Format, das ich nicht kenne.
Eine erste Anfrage per Mail beantwortet im Idealfall folgende Fragen:
- Was sind Thema (bzw. Fachgebiet) und Zweck (Diplomarbeit, Magisterarbeit, Dissertation, Buchpublikation …) des Textes?
- Welchen Umfang (bitte Zeichenzahl inkl. Leerzeichen) wird die Arbeit ungefähr haben?
- Wann können Sie den gesamten Text zur Verfügung stellen und in welcher Form (Datei, Ausdruck)?
- Welche Leistungen möchten Sie in Anspruch nehmen?
- Welche Termine sind zu berücksichtigen?
- Sorgen Sie für Erreichbarkeit, mindestens mit einer Telefonnummer.
Auch wenn es blitzbrandeilig ist: Schicken Sie keine Anhänge, wenn das nicht abgesprochen ist. Ich jedenfalls öffne keine unverlangt verschickten Dateien fremder Absender.
Wie geht es dann weiter?
Wenn Thema und Termin für mich möglich sind, werde ich Sie um eine Textprobe bitten. Jetzt können wir Details abstimmen und ich werde Ihnen auf dieser Grundlage ein Angebot machen. Wenn Sie mit dem Angebot einverstanden sind, schicken Sie mir das unterschriebene Formular für den Auftrag zurück. So viel Zeit muss sein. Und dann kann es losgehen.
Pi mal Daumen sollten Sie eine Woche Bearbeitungszeit für das Lektorat einer Qualifikationsarbeit einplanen. Ebenso viel Zeit benötigen Sie dann noch einmal, um die vorgeschlagenen Änderungen zu prüfen und zu übernehmen und um die Arbeit technisch fertigzustellen.
Ob Schnellschüsse wie der oben beschriebene auch ihr Ziel erreichen, weiß ich natürlich nicht. Vielleicht hatte ja zufällig jemand auf der Stelle Zeit für ein schnellstmögliches Lektorat …



2 Kommentare
Liebe Frau Kümmel,
solche Anfragen kenne ich nur zu gut, auch wenn Sie mit der höflichen Anrede ja noch richtig Glück hatten.
Offenbar sitzt in der Vorstellung mancher Kunden eine Lektorin den ganzen Tag zu Hause und hat nichts zu tun. Sie wartet nur auf diese eine Anfrage, um sich dann sofort und freudig in Wochenend- oder Nachtarbeit zu stürzen.
Wenn tatsächlich noch ein paar Wochen Vorlauf im Spiel sind, dann ist es auch nicht nötig, auf das Vorab-Angebot der Lektorin in irgendeiner Weise zu reagieren. Planen braucht sie ja nicht und eine Auftragsbestätigung ist auch völlig überflüssig. Man muss nur zum spätest möglichen Termin dann seine Textdatei doch noch kommentarlos schicken – sie wartet ja nur darauf!
Vielleicht ist diese Kunden-Mentalität aber auch in der großen Zahl der Discount- und Blitzschnell-Lektorate im Internet begründet …
Beste Grüße aus dem Lektorenalltag
Astrid Paul
Liebe Frau Paul,
manchmal muss man Anfragen aus Zeit- und anderen Gründen eben ablehnen. Das ist schade – für beide Seiten. Das sind aber auch Anlässe für mich, immer wieder zu erklären, wie (m)ein Lektorat arbeitet und wie viel Zeit für die Bearbeitung eines Textes eingeplant werden muss. Woher sollte die Vorstellung denn kommen, insbesondere bei Nachwuchswissenschaftlern oder Studenten, die einen ersten Auftrag vergeben?
Und wenn es trotz aller Planung ganz eilig ist: Fragen kostet nichts.
Schöne Grüße nach Mittelfranken
MK