Marcel Reich-Ranicki lehnt Fernsehpreis ab
Veröffentlicht: 12. Oktober 2008 Einsortiert unter: Fundsachen | Tags: Fernsehen, Marcel Reich-Ranicki, Medien 23 Kommentare »Der alte Fuchs hat sich wieder einmal zünftig in Szene gesetzt – bisher ist das nur zu lesen (hier bei dwdl). Die Ablehnung eines Preises kommt gelegentlich vor, meist mit ehrenwerten Gründen. Aber hat ein designierter Preisträger je (wohlkalkuliert?) seine Entscheidung erst verkündet, nachdem er Laudatio und Applaus entgegengenommen hatte? »Ich gehöre nicht in die Reihe dieser Preisträger«, das sei ihm im Verlaufe der Aufzeichnung klar geworden.
Literaturcafe.de findet’s »grrroßartig« und stellt Vermutungen darüber an, wie sich die beteiligten Fernsehanstalten verhalten werden. Ich bin gespannt, ob das ZDF die vollständige Erwiderung des Fernseh-Literaturpapstes heute Abend ausstrahlt. Dafür werde ich mich morgen sogar durch die Mediathek klicken.
Nachtrag: Laut Fernsehlexikon.de bloggen Peer Schrader und Stefan Niggemeier die Aufzeichnung der Sendung heute Abend »live« ab 20:15 Uhr.
Nachtrag 2 (20:30 Uhr): Marcel Reich-Ranicki im Interview auf faz.net: »Ich konnte es nicht mehr aushalten«
Nachtrag 3: Das hat MRR tatsächlich gesagt – das Video bei Cem Basman.
Nachtrag 4 (18. Oktober): Günter Grass sagte auf der Buchmesse über den Auftritt, das sei genau der Marcel Reich-Ranicki, wie er ihn aus dem »Literarischen Quartett« kenne. Er habe Literatur nicht popularisiert, sondern trivialisiert und sei Teil des Gewerbes, das er nun kritisiere. – Zum Video in der ZDF-Mediathek.



Elke Heidenreich, die dabei war, auf faz.net:
http://tinyurl.com/3rtcxu
Ich finde es fabelhaft, daß ein Mann wie Reich Ranicki sich nicht auf eine Stufe stellen läßt mit Sternchen der Unterhaltungsindustrie Fernsehen. Vielleicht bringt seine Zurückweisung des Fernsehpreises endlich einmal ein Diskussion über die katastrophale Qualität unserer Fernsehprogramme (zumindst auf breiter Front und zu normalen Sendezeiten) in Gang und führt – darf man es erhoffen? – dazu, daß die Medien und die dort beschäftigten Journalisten sich íhrer Verantwortung einem nicht nur anspruchslosen Publikum gegenüber stellen. Das wäre längst an der Zeit!
Helga Müller, Stuttgart
@ Helga Müller: In der Sache hat MRR natürlich Recht.
Meine erste Reaktion auf die Nachricht heute Morgen aber war: Wie es um die Qualität des Fernsehens und des Fernsehpreises bestellt ist, wusste er, als ihm der Preis angetragen wurde. Auch das »Literarische Quartett« war keine anspruchsvolle Kultursendung, sondern Boulevard. Und dafür, und nicht für seine sonstige Lebensleistung, sollte er den Preis bekommen. Warum also heiliger Zorn und großer Auftritt?
Elke Heidenreich (s.o.) hat aus der Nähe eine andere Deutung gefunden, der ich auch folgen kann.
Dass das Ganze aber eine fruchtbare Diskussion in Gang bringt, das bezweifle ich. Ich habe mich schon vor mehr als einem Jahr ganz vom Fernsehen verabschiedet. Aber die Zahl derer, die einschalten, scheint bei Weitem zu überwiegen … Die Quote machts!
Ich hab so das Gefühl, dass sich RR maßlos überschätzt, ein eitles Männchen, das versucht, sich wichtig zu machen.
@ Herbert
Ich denke, er hat entweder die Gelegenheit wohlbedacht genutzt, sein Donnerwetter medienwirksam loszuwerden. Dass er dabei manchmal nicht zimperlich (nicht einmal fair) ist, weiß man spätestens seit seinen Auseinandersetzungen mit Sigrid Löffler. Oder, das wäre die andere Möglichkeit, ihm ist wirklich erst im Verlaufe der Veranstaltung der Kragen geplatzt. Dieser Preis und seine Verleihung stehen ja nun schon seit Jahren in der Kritik.
[...] Marcel Reich-Ranicki lehnt Fernsehpreis ab Der alte Fuchs hat sich wieder einmal zünftig in Szene gesetzt – bisher ist das nur zu lesen (hier bei dwdl). Die [...] [...]
Er liebt es Dinge lautstark zu kommentieren – so wie gestern. Preisverleihungen sind eben Preisverleihungen und das Fernsehen produziert auch nur das, was die Zuschauer sehen wollen. Also nichts Neues und Kritik an falscher Stelle, Herr Reich-Ranicki!
Vor allem hat mich die Reaktion von Gottschalk beeindrückt. Klasse.
Sehr beeindruckend, wie jemand die Persönlichkeit aufbringt, vor so einem großen Publikum seinem Grundsatz treu zu bleiben und sich nicht von einem Massenmedium auszeichnen zu lassen, welches schon lange die Menschen mit einer regelrechten Gleichschaltung beeinflusst. Große Anerkennung.
[Anmerkung Admin: Das ursprünglich verlinkte Blog ist seit heute nicht mehr verfügbar.]
@ Politlog (anonym)
Im ersten Teil stimme ich Ihnen zu. Aber: Da es keine allgemeine Pflicht gibt, sich das Fernsehprogramm anzutun, können Sie wählen, was Sie sehen bzw. ob Sie überhaupt etwas sehen. Wie #furchtlos sagt: Die Quoten führen dazu, dass das Programm ist, wie es ist. Von »Gleichschaltung« kann also keine Rede sein. Zum Hintergrund dieses Begriffes: http://de.wikipedia.org/wiki/Gleichschaltung
Die viel gepflogene Meinung, man muss es sich ja nicht anschauen verhält sich wie mit Drogen oder Waffen, man muss sie sich ja nicht kaufen. Wächst man mit so etwas auf, hat man gar keine andere Wahl.
Ich habe mit Absicht “regelrechte Gleichschaltung” gesagt, weil ich damit nicht auf eine durch Zwang herbeigeführte Gleichschaltung hinauswollte, [… Hier wurde der Kommentar vom Moderator gekürzt, weil er sich nicht auf den Beitrag bezog.] Die regelrechte Gleichschaltung ist die sogenannte öffentliche Meinung.
Anmerkung: Gleichschaltung hatte ich keineswegs auf den NS-Term bezogen, vielmehr meinte ich damit die einheitliche Meinung der Medien, also die fehlende Varianz. Für ein eventuelles Missverständnis im Zusammenhang mit dem NS-Term möchte ich mich ausdrücklich entschuldigen.
@Politlog (immer noch anonym)
Ja, aber auch dann ist es am Thema vorbei. Es ging bei der Ablehnung des Preises doch keineswegs um fehlende Meinungsvielfalt oder gar Manipulation durch das Fernsehen, sondern um das nach Meinung von RR fehlende kulturelle Niveau. Er fühlte sich verständlicherweise deplatziert zwischen Fernsehköchen, Comedians und DSDS-Stars.
Vielleicht sehen Sie sich seinen Beitrag und auch das oben erwähnte Interview mit ihm daraufhin noch einmal an.
In jedem Mann steckt nun mal auch eine Diva!
Maya beschreibt die Thematik so schön in ihrem Artikel.
Ich finde, M. Reich-Ranicki hat richtig gehandelt! Er setzte damit ein Zeichen und unterstrich die zunehmende Verwässerung des nahezu nicht mehr vorhandenen Kulturanteils im TV. Diesen Schuh müssen sich mittelerweile auch die öffentlich rechtlichen Sender wie ARD und ZDF anziehen.
Mit Telenovelas, Talkshows und andere “leichter Kost” liefern sich die Sender einen gnadenlosen Kampf um die Einschaltquoten. Dass eine Person wie MRR diese Entwicklung so nicht mehr hinnehmen mag leuchtet völlig ein.
Der Kulturschwund in TV und Radio wird immer deutlicher, vor allem im Bereich Literatur, Beim Hörfunk, wo ich herstamme, nennt man diese Sparte “Kulturelles Wort”. Hier erlebt erfreulicherweise das gute alte Hörspiel wieder einen Aufschwung; jedoch sind auch hier “Veränderungen” erkennbar. Auf die Resonanz und das Ergebnis der ARD Hörspieltage im November darf man gespannt sein – aber das sei nur am Rande erwähnt.
Dem Handeln von MRR vor versammelter Mannschaft und laufenden Fernsehkameras zolle ich Respekt. Bleibt zu hoffen, dass es bestimmte Herrschaften, die an den “roten Knöpfen” sitzen, zum Nachdenken anregt.
Hut ab.
Das passt zu ihm wie Faust aufs Auge. Ob man allerdings seinen Ansprüchen immer gerecht werden kann (oder auch will), da habe ich auch oft so meine Zweifel.
Abgesehen von der passiven Öffentlichkeit hat sich Herrr Rrr. aber leider bei den Falschen beschwert: Gottschalk und seine lustigen Intendanten gucken nurmehr aufs Geld ihrer Renten und Erparnisse – aus denen wird nimmermehr was.
Ich habe es nicht im Fernsehen gesehen, aber später auf der Webseite davon gelesen und muss sagen – grandios! Endlich wird mal die Wahrheit über das deutsche Fernsehen gesagt und dann auch noch bei einer Preisverleihung, wo viele Verantwortliche sitzen.
Respekt!
[...] vielen Dank an die Blogosphäre, [...] Ohne Euch hätte ich gar nichts davon mitbekommen
[...]
Ohne Reich- Ranicki’s Ablehnung hätte ich gar nicht mitbekommen, dass ein Preis verliehen worden war, an wen auch immer. Also hat er den Fernsehpreis bekannter gemacht. Ist doch nett von ihm.
Hallo zusammen.
Ich fand die Aktion von Reich-Ranicki auch genial. Wobei er natürlich einfach vorher hätte ablehnen können, aber dann hätte es bestimmt nicht voll Trubel gegegben. Auf jeden Fall freut es mich, dass er mit seiner Ablehnung einen weitere Qualitätsdebatte über das Tv-Programm losgetreten hat.
Ich habe auf meinem Blog (http://hingesehen.blogspot.com/) mal in einem Selbstversuch selbst eine Stunde Britt geguckt und rezensiert.
[...] im Internet (vor)lesen. Nach ihrem geräuschvollen Abgang beim ZDF (vgl. Literaturcafe.de; wegen dieser Geschichte) wird sie ihre Sendung ins Internet verlegen, meldet [...]