Sprachwandel Ost

Die Maueröffnung 1989 und die nachfolgenden Transformationsprozesse sorgten im Osten Deutschlands auch für einen beschleunigten Sprachwandel – ein reiches Beobachtungsfeld für Spracharbeiter und Sprachinteressierte.

Die meisten Besonderheiten des Sprachgebrauches der DDR betrafen den Wortschatz oder Redewendungen:

  • politisch geprägte (offizielle) Bildungen: antifaschistischer Schutzwall, Arbeiter-und-Bauern-Macht, Kollektiv der sozialistischen Arbeit, Republikflucht begehen, die Werktätigen
  • unterschiedliche Bildungsmuster in Ost und West: Flugzeug statt Flieger, 2‑Raum-Wohnung, Kaderleiter, Kaufhalle, Kinderkrippe, Kindergarten, Jahresendprämie
  • unterschiedliche Bedeutungen in Ost und West: Brigade, Kollektiv, Krankenschein, Poliklinik, realisieren
  • Bezeichnungen für DDR-Typisches: Dederon, Malimo, KIM-Eier, Präsent 20, Polylux, Kriepa; Kombinat, Konsum [Betonung auf der ersten Silbe, o und u kurz gesprochen], Messe der Meister von morgen, Babyjahr, Ehekredit, Hausarbeitstag, Komplexannahmestelle, Komplexbrigade, Jugendbrigade, Jugendobjekt, Faltbeutel, polytechnische Oberschule, Westpaket
  • umgangssprachliche, ironische Sprachschöpfungen: Arbeiterwohnregal, Wohnklo, Konsumjeans, Aluchips [DDR-Geld], den Ehekredit abkindern [für jedes Kind wurde ein Teil erlassen], SV-Urlaub [6 Wochen von der Sozialversicherung bezahlte Krankschreibung, die mancher dem Urlaub hinzurechnete], der große Bruder [die Sowjetunion], Essengeldturnschuhe [verächtlich für billige Turnschuhe, die so viel kosteten wie das Schulessen für eine Woche: 2,75 Mark], die Firma [die Stasi] hört mit, zur Fahne [Armee] müssen, Karl-Chemnitz-Stadt [für das in Karl-Marx-Stadt umbenannte Chemnitz], Kaliningrader Klopse [weil Königsberg nach 1946 russisch geworden war]

In den Bereich der Ironie gehören auch die »Jahresendflügelfigur« und das »Erdmöbel«, die beide durch das DDR-Satiremagazin »Eulenspiegel« bekannt wurden.

Nach 1989 wurden die vormaligen Westler und Bundis umgangssprachlich schnell zu Wessis (als Analogiebildung zu den Ossis?). Einige Ostmarken haben es doch noch in die Kaufhalle geschafft (Florena, Spee, Fit, Rotkäppchensekt) – alles andere verschwand nach und nach. Sprachlich ist die Transformation also 20 Jahre nach Maueröffnung abgeschlossen.

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Über Marion Kümmel

Marion Kümmel ist freie Lektorin und Federwerkerin. Seit 2001 übernimmt sie Textdienstleistungen für Publikumsverlage, Agenturen, Firmen und Autoren. Sie redigiert Sachbücher und Fachtexte, wissenschaftliche Veröffentlichungen sowie Texte aus Unternehmenskommunikation und Werbung. Ihre Texterfahrungen vermittelt sie in Vorträgen und Schulungen.

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Kommentare

  1. Bernd Mrotzek hat 2006 für den Spiegel nach der Herkunft der »Jahresendflügelfigur« gefahndet. Ernst Röhl meint, er habe das Wort in den 80er-Jahren in einem Kunstgewerbegeschäft am Berliner Alexanderplatz aufgeschnappt: »Das Wort ist keine Erfindung, ich habe es vorgefunden und mich erst hinterher in meinem Buch darüber lustig gemacht.«

    Bernd Mrotzek: »Wer sagt denn so was!«
    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,456541,00.html

  2. Jahresendfigur mit Flügeln – ich kann mich noch heute gut an den Ärger im Kontor erinnern, an die belustigte Befremdung, die der Beipackzettel ausgelöst hatte. Dieses Wortgebilde muss so Anfang oder Mitte der achtziger Jahre entstanden sein. Damals arbeitete ich beim Außenhandelsbetrieb Holz und Papier in Berlin, Krausenstraße 35.
    Dieses Wortgebilde mit übertriebenem, verstiegenem vorauseilenden Gehorsam zu erklären, trifft es schon – irgendwie. Ein Produktionsdirektor, der es mit der atheistischen Einstellung übertrieb oder der einer lokalem SED-Größe was auch immer zeigen wollte, keine Ahnung. Ist jedenfalls damals ein guter Witz geworden. Weniger witzig finde ich es nun, wenn mir von Leuten aus Niedersachsen, Hessen oder Bayern erklärt wird, im Osten hätten die Leute Engel so genannt.
    Erdmöbel – kannte ich bisher nicht. ich könnte mir aber vorstellen, dass dieser Begriff zynisch scherzend entstand als Reaktion auf einen SED-Parteitagsbeschluss, der die Konsumgüterproduktion betraf. Um Versorgungslücken zu schließen, mussten die Betriebe ihre Konsumgüterproduktion erweitern, selbst wenn das nicht zu ihrem Produktionsprofil passte. Was weiß ich,( war kein Genosse, so sind mir die Parteischulungen erspart geblieben) eine Schwermaschinenbaufirma hat noch Kaninchenställe gefertigt , oder so in der Art war das…
    Erdmöbel lässt in mir den Verdacht aufsteigen, da hat eine Möbelfabrik den Auftrag bekommen, zusätzlich noch Särge zu fertigen und leicht sarkastisch machte man sich an die Umsetzung und fertigte…
    aber das ist meine Fiktion, vielleicht geht die kleine Autorin in mir gerade durch 😉

  3. Hallo, Bettina,

    was Sie zur »Jahresendflügelfigur« sagen, passt ja zu dem, was Ernst Röhl erzählt hat. Am schönsten wäre es natürlich, wenn Sie einen solchen Beipackzettel noch hätten …

    Das »Erdmöbel« ist ein ähnlich oft angeführtes Beispiel. Offizieller Sprachregelung kann es aber ebenso wenig entstammen wie die »Jahresendflügelfigur«. Beide findet man nicht in den DDR-Wörterbüchern aus den 80er-Jahren. Beide tauchen (vor 1989) nur in satirischen Texten von E. Röhl auf bzw. wurden durch sie bekannt. Wahrscheinlich hat er einfach dem Volk aufs lose Mundwerk geschaut.

    Schöne Grüße nach Berlin
    Marion

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  1. […] In »Sprachwandel Ost« habe ich behauptet, dass die sprachliche Transformation nach dem Ende der DDR inzwischen […]

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