Wörterzahl und Textumfang

Ein Kunde möchte ein Lektorat beauftragen. Die Lektorin fragt also: »Welchen Umfang hat denn der Text?« Mit einiger Wahrscheinlichkeit lautet die Antwort: »Das sind ungefähr XY Seiten, die haben aber nicht so viel Text.« – Manchmal fällt die Angabe etwas genauer aus: »Die Broschüre soll XX Texte mit je ca. 200 Wörtern haben.« Wie umfangreich wäre dieser Text in etwa?

Kürzeste und längste Wörter

Ein deutsches Wort hat mindestens 2 Buchstaben (ab, an, in, zu …). Die Bandwurmwörtersammlung von Ines Balcik enthält zahlreiche Fundstücke mit über 30 Buchstaben (Mietschuldenfreiheits­bescheinigung, Optionsausübungs­wahrscheinlichkeit, Immobilienkreditportfolio­management …), das längste Wort im Duden (25. Auflage, 2009) ist Kraftfahrzeug-Haftpflichtversicherung und zählt 36 Buchstaben. Im freien Wortwildwuchs wurden auch Exemplare mit 42 und der Unwortkandidat RflEttÜAÜG mit 63 Buchstaben in der Vollform gesichtet. Während aber die kürzesten Wörter zu den häufigsten zählen, kommen die Bandwürmer nur sehr selten vor.

Durchschnittswerte

Der Rechtschreib-Duden (25. Aufl., 2009) verzeichnet 135.000 Wörter in ihrer Grundform. Er gibt im Abschnitt »Sprache in Zahlen« (S. 162) die durchschnittliche Länge eines Wortes im Duden mit 10,6 Buchstaben an. Berücksichtigt man gebeugte Wortformen und deren Häufigkeit in Texten, sieht die Zahl anders aus. Die Volltextdatenbank der Dudenredaktion, das Dudenkorpus, enthält 1,4 Milliarden Wortformen (aus unterschiedlichsten Texten seit 1995) mit durchschnittlich 5,7 Buchstaben pro Wortform.

Die Fachübersetzergenossenschaft InTra eG hat einen Textabschnitt der EU-Verfassung in mehreren Sprachen analysiert (www.intra-eg.de/wort_gegen_zeile.pdf, nicht mehr online). Im untersuchten deutschen Text kommen sie dabei auf durchschnittlich 6,5 Zeichen pro Wortform.

Zur Berechnung des Textumfanges für ein Lektorat oder Korrektorat reichen diese Anhaltspunkte dennoch nicht, denn bei den Zählungen bleiben Zeichen unberücksichtigt, die besonders häufig vorkommen und gleichzeitig besonders oft zu korrigieren sind: Leerzeichen und Interpunktionszeichen.

Wie viele Zeichen, die nicht zu Wörtern gehören, kommen in einem durchschnittlichen Text hinzu? Mit der Word-Zählung (Menü [Extras – Wörter zählen – Zeichen mit Leerzeichen]) habe ich einige Texte auszählen lassen: Hier ergab sich ein Verhältnis von 725 Zeichen zu 100 Wörtern.

Faustregel

Für einen schnellen Überschlag gehe ich einfach davon aus, dass auf ein Wort ca. 7 Zeichen (inkl. Leerzeichen und Interpunktion) kommen. Die Texte im obigen Beispiel hätten dann etwa 1400 Zeichen pro Text (nicht ganz eine Normseite); das ist fürs Erste genau genug.

PS: Dieser Text hat nach Word-Zählung 357 Wörter und 2604 Zeichen (357 x 7,29). Dass Word auch eine Zahl/Ziffernfolge als Wort zählt, stört für diesen Zweck nicht.

Über Marion Kümmel

Marion Kümmel ist freie Lektorin und Federwerkerin. Seit 2001 übernimmt sie Textdienstleistungen für Publikumsverlage, Agenturen, Firmen und Autoren. Sie redigiert Sachbücher und Fachtexte, wissenschaftliche Veröffentlichungen sowie Texte aus Unternehmenskommunikation und Werbung. Ihre Texterfahrungen vermittelt sie in Vorträgen und Schulungen.

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  1. Tweets die Wörterzahl und Textumfang « Federwerk erwähnt -- Topsy.com sagt:

    […] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Viola Beer, Claudia Lüdtke erwähnt. Claudia Lüdtke sagte: Wie ermittelt man den Umfang eines Textes vor dem Lektorat? Tipps dazu auf Federwerk: http://bit.ly/bOpZKw […]

  2. […] Symbole und Leerzeichen. So kommt man am ehesten zu unstrittigen Ergebnissen – anders als mit Wörterzahlen oder gar Normseiten, Manuskript-, Standard- oder […]

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