Preisfrage

N.C. Winters spießt heute einen besonders beliebten Aspekt der Freiheit des Freiberuflers auf, zu Deutsch etwa:

»Ich hätte gern ein Tattoo. Ich kann zwar nichts dafür bezahlen, aber es würde sich sicher großartig in Ihrem Portfolio machen.«
»Jedes Beispiel in unserem Portfolio stammt von einem zahlenden Kunden. Warum sollten Sie etwas umsonst bekommen, nur weil Sie klamm sind?«
»Und warum glauben die Leute dann, dass sie bei einem Grafiker damit durchkommen?«

Hier geht‘s zum Cartoon: Freelance Freedom #43.


Zeit sparende Zeitfresser — seit 10 Jahren online

Beim Aufräumen fiel mir eine der AOL-CDs in die Hände, die man einst wöchentlich im Briefkasten fand. (Wann war eigentlich Schluss damit?)

Im Januar vor 10 Jahren war ich dank so einer Werbe-CD mit meinem nicht mehr ganz neuen Mac (einem Performa) und einem rasanten 34-k-Analogmodem zum ersten Mal online. Gesucht wurde noch ohne Google – dessen Testversion ging erst im September 1998 online –, und Wikipedia startete drei Jahre später.

Das quietschende Geräusch, mit dem sich das Modem für jede Verbindung einwählte, habe ich noch gut im Ohr. Es mahnte: Mach hin, Online-Zeit kostet Geld, und die Telefonleitung ist so lange auch besetzt. DSL fiel wegen moderner Glasfaser-Telefonleitungen in unserem Stadtteil aus, aber 2004 gab es Breitbandanschlüsse über Kabel.

Meine freiberufliche Arbeit als Lektorin wäre ohne das Internet so nicht denkbar, den Berufsverband der Lektorinnen und Lektoren (VFLL) hätte ich vielleicht Jahre später auf einer Buchmesse entdeckt, manche Kollegen und Kunden nie kennengelernt. Gar nicht zu reden von den vielen kleinen Fragen, vor die mich die Textarbeit stellt: Wie sieht ein Hennin aus und wie trug man ihn? Welche Straßenbahnlinie kann der Krimiheld in Szczecin genommen haben? Wann beginnt in Argentinien der Winter?

Da das Internet auf wundersame Weise insgesamt dennoch mehr Zeit zu kosten als zu sparen scheint, habe ich mich zum Ausgleich vor Monaten von dem Medium des vorigen Jahrhunderts getrennt und das Fernsehgerät entsorgt. Risiken und Nebenwirkungen sind mir bisher nicht bekannt.


Besser schreiben in Stralsund

Viele Grüße aus Rostock an alle, die heute (am 14. November) den Vortrag zum beruflichen Schreiben gehört haben. Ich schicke Ihnen hier noch eine Ergänzung: Genauere Informationen zu den Literaturtipps finden Sie in diesem Buchladen, den ich gerade aktualisiert habe.

Literaturtipps


Die neue alte Rechtschreibung

Hin und wieder kommen mir im Lektoratsalltag noch Texte unter die Feder, die in »alter Rechtschreibung« erscheinen sollen. Aber wider Erwarten bleibt auch hier die Entwicklung nicht aus. Es scheint eine »neue alte Rechtschreibung« zu entstehen, die folgenden einfachen Grundsätzen folgt:

Erstens: Das ß wird wieder in seine alten Rechte eingesetzt.

Hier funktioniert die Rückkehr zum Alten meist problemlos. Und damit ist das Wichtigste geschafft: Das ß gilt als Wahrzeichen der alten Rechtschreibung, zumal sich hartnäckig das Gerücht hält, es wäre durch die Reform abgeschafft worden. Ein wunder Punkt bleibt nur bei daß/dass/das.

Zweitens: Das habe ich schon immer so geschrieben.

Das funktioniert oft, da die meisten Schreibungen ja unverändert blieben. Aber hierher gehören auch solche Schreibungen, die tatsächlich viele schon lange »nach Gefühl« verwendet haben und die erst die Reform schließlich zuließ, z. B.:

Großschreibung von Adjektiven in Redewendungen mit übertragener Bedeutung (alt: sich im klaren sein, alles beim alten lassen, auf dem laufenden bleiben …);
die Großschreibung von bestimmten Pronomen (alt: er war der einzige, der …);
Einzelschreibungen (alt: plazieren, numerieren, der Geheimtip, in bezug auf …).

Der Grundsatz könnte also auch lauten: Wo es dem eigenen Gefühl entspricht, folge der reformierten Schreibung.

Drittens: Im Zweifel ist alte Rechtschreibung das Gegenteil von neuer.

Da die reformierte Rechtschreibung zum Beispiel die Getrenntschreibung von Fügungen aus Verb und Verb (konsequent bis 2006) vorsieht, wird in »neuer alter Rechtschreibung« in diesen Fällen nun stets zusammengeschrieben, auch dort, wo die Schreibung früher Bedeutungsunterschiede verdeutlichte (alt: an der Ampel stehen bleiben, die Uhr ist stehengeblieben).

Es mag gute Gründe für einen Verlag oder Autor geben, bestimmte Texte in alter Rechtschreibung zu publizieren. Die einfachere Lösung ist es längst nicht mehr. Bei neuen Texten kommt erschwerend hinzu, dass die alten Wörterbücher viele Wörter noch nicht enthalten. Der letzte Duden in vorreformierter Rechtschreibung ist immerhin von 1991. Ich bin jedenfalls gespannt, wie sich die »neue alte Rechtschreibung« weiter entwickeln wird.


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