Klartext statt »Behördisch«

Es gibt hierzulande tatsächlich Behörden, deren MitarbeiterInnen verstanden werden wollen und sollen. In Zusammenarbeit mit Fachleuten (Linguisten, Juristen) überarbeiten sie Behördentexte und trainieren, verständlich und zugleich rechtssicher zu formulieren.

NDR Info hat dazu in dem Feature Schluss mit »Behördisch« gestern ein Projekt aus der Hamburger Verwaltung vorgestellt. Der Beitrag in der Reihe das Forum kann in der Mediathek abgerufen werden (ca. 30 Minuten).

Weiterführende Informationen:

Das Netzwerk IDEMA (die Abkürzung blieb mir leider bislang unverständlich) unterstützt Verwaltungen, die Wert auf eine bürgerfreundliche Sprache legen, mit Mustertexten, Gutachten und Schulungen.


Studie: Verständlichkeit der Bundesregierung

Häufig wird Parteien und Politikern Unverständlichkeit vorgeworfen. Daher untersuchten Kommunikationswissenschaftler der Universtität Hohenheim Web-Texte der Bundesregierung (aus Kanzleramt und Ministerien) und fragten:

Lässt sich durch eine Optimierung der Webseiten-Texte der Bundesregierung deren Verständlichkeit und damit auch der Kommunikationserfolg der Bundesregierung verbessern?

Die Wissenschaftler setzten eine Software (TextLab) ein, um in ausgewählten Texten die »Problemstellen« aufzufinden. Diese optimierten sie anschließend mit den bekannten Mitteln: verständliche Wörter verwenden, schwer verständliche Begriffe erklären, zu komplexe Satzstrukturen auflösen, logisch strukturieren, Zwischenüberschriften einsetzen …

Den Rest des Beitrags lesen »


Die Deutsche Bahn erklärt

[…] Die Verspätung resultiert aus der verspäteten Ankunft des Zuges bei der Ankunft.

Wegen der »verspäteten Ankunft des Zuges bei der Ankunft« verpasste ich den Anschlusszug. Eine Stunde Wartezeit und Kauf einer zusätzlichen Fahrkarte: Um mit nur 90 Minuten Verspätung ans Ziel zu kommen, musste ich nun einen IC statt der verpassten Regionalbahn nehmen.

Dafür gabs von der freundlichen Schalterangestellten ein übersichtlich gefaltetes »Fahrgastrechte-Formular« von doppelter DIN-A4-Länge. Die Rückseite ist eng mit Anweisungen bedruckt, die mich in nur 3 Schritten zu einem vollständig ausgefüllten Formular zur Geltendmachung meiner Fahrgastrechte auf Entschädigung führen sollen.

Den krönenden Abschluss bildet diese sprachliche wie inhaltliche Meisterleistung:

Ich bin damit einverstanden, dass meine Daten für Kundenbetreuungszwecke bei der verspätungsverursachenden Bahn verarbeitet und genutzt werden.

Ein geradezu mustergültiges Antragsvermeidungsformular. Bei mir jedenfalls hat es funktioniert.


Anstalten machen

Und was für welche. Ab Montag können schlingernde Banken Staatshilfe beantragen. Bei der neu geschaffenen

Finanzmarktstabilisierungsanstalt.

(33 Buchstaben)

Das war im Herbst. Und schon zum Frühjahrsbeginn 2009 gibt es ein

Finanzmarktstabilisierungsergänzungsgesetz

(42 Buchstaben) für die Banken, denen nicht zu helfen ist.

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Ist die Tagesschau verständlich?


Ist die »Tagesschau« verständlich?

Für wen soll/kann die Tagesschau verständlich sein? Für jede(n)? Man kann Zuschauer auch mit übertriebener Schlichtheit und überflüssigen Erklärungen vergraulen. Und politisch wenig Interessierte, die sie nur für die Lottozahlen und den Wetterbericht einschalten, erreicht man auch dann nicht.

Der Spiegel titelt plakativ »Zu viele Fremdwörter. Keiner versteht die ›Tagesschau‹«. Bei digitalfernsehen.de heißt es zutreffender: »Umfrage: Zuschauer verstehen manche Begriffe in ›Tagesschau‹ nicht«.

Beide beziehen sich auf die Ergebnisse des Bielefelder Marktforschungsinstitutes EMNID. Das Institut hat im Auftrage der Programmzeitschrift »TV Digital« 1002 Personen sechs Begriffe aus Sendungen der ARD-Nachrichtensendung vom 1. bis 7. Oktober vorgelegt. Auf digitalfernsehen.de wird das Ergebnis zusammengefasst. Danach

wissen 100 Prozent der Befragten nicht, was Begriffe wie “Schutzschrift” oder “Vorteilsabschöpfung” bedeuten. Auch “Koalitionsfreiheit” (99 Prozent), “Pflegestützpunkte” (98 Prozent) oder “Basta-Politik” (90 Prozent) seien weitgehend unbekannt […]. Beim Begriff “Tarifautonomie” mussten 89 Prozent passen.

Leider konnte ich nicht ermitteln, wie die 1002 Befragten ausgewählt wurden. Wie viele davon sehen regelmäßig die »Tagesschau«? Und sicher ist es auch ein Unterschied, ob die Begriffe im Textzusammenhang auftreten oder wie in der Befragung einzeln erklärt werden sollen. Für eine repräsentative Auswahl wäre das Ergebnis aber in jedem Falle besorgniserregend.

Sollte man das Verständnis von Koalitionsfreiheit und Tarifautonomie nicht als Teil der politischen Allgemeinbildung voraussetzen können? Sollte Basta-Politik nicht jedem politisch Interessierten geläufig sein, der in den letzten Jahren in der Bundesrepublik gelebt hat? Der Pflegestützpunkt ist vielleicht noch zu neu, aber dass ihn 98 Prozent der Befragten nicht kannten …

Nur bei den verbliebenen 2 Kandidaten würde ich den Schwarzen Peter an die Redakteure geben: Schutzschrift halte ich für einen erklärungsbedürftigen Fachbegriff. Die Vorteilsabschöpfung dagegen ist einer jener Unwort-Kandidaten, die eine um Sachlichkeit bemühte Sendung ersetzen sollte.

Fazit: Verständliche Textgestaltung kann nie Verständlichkeit für alle heißen, im besten Falle wird eine große Zielgruppe erreicht.

Der Hinweis auf die Befragung stammt vom VFLL-Blog.


Verständlichkeit als Bürgerrecht

Wer gelesen werden will, bemüht sich um Verständlichkeit. Brauchbares Handwerkszeug dafür hat die Verständlichkeitsforschung in den letzten Jahrzehnten entwickelt. Die deutsche Kanzlei- und Verwaltungssprache aber erweist sich bisher als resistent gegenüber solchen Einflüssen. Man denke nur an Wortschöpfungen wie das legendäre

Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz (RflEttÜAÜG)

oder das nicht weniger klare

Kindertagesbetreuungsausbaugesetz (TAG),

das keiner unserer Volksvertreter unfallfrei auszusprechen vermochte.

Unter dem Titel »Verständlichkeit als Bürgerrecht? Die Rechts- und Verwaltungssprache in der öffentlichen Diskussion« fand am 1./2. November 2007 ein öffentliches Symposion statt. Veranstalter war die Gesellschaft für deutsche Sprache in Zusammenarbeit mit dem Germanistischen Institut der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Aus den Tagungsberichten hier und hier ist unter anderem zu erfahren, dass das Bundesministerium für Justiz und die Gesellschaft für deutsche Sprache seit 2007 in einem Projekt »Verständliche Gesetze« die Zusammenarbeit im Gesetzgebungsverfahren erproben. In der Schweiz hat man mit einer solchen begleitenden Sprachberatung bereits positive Erfahrungen gemacht.

Die Fachvorträge des Symposions sollen im Herbst 2008 zur Frankfurter Buchmesse in der Reihe »Thema Deutsch« (Band 9) im Dudenverlag erscheinen.


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