Kohlsuppe – Von Buchstaben und Lauten

Ukrainischer Borschtsch [1]

Borschtsch ist eine rote Kohlsuppe mit Fleisch und allerlei weiteren Gemüsezutaten. Sie erhält ihre Farbe von der Roten Bete, wird mit einem Klecks Smetana (einer sauren Sahne, dem Schmand ähnlich) verfeinert und ist in jedem Fall sehr lecker. Sie gilt als ukrainisches Nationalgericht, gehört aber auch in die russische, belorussische, polnische und litauische Küche mit je verschiedenen Rezepturen.

Ein Tweet rief mir den Borschtsch gestern in Erinnerung als Aufhänger für ein Thema, mit dem ich bei der Redaktion von Lehrbüchern immer wieder zu tun habe.

Borschtsch – Beute für Statistiker

Der Tweet bezog sich auf diesen Satz aus Duden 1 »Die deutsche Rechtschreibung« [2] im Abschnitt »Sprache in Zahlen« (seit 2009 im Duden):

Der »Borschtsch«, eine russische Suppe, ist das einzige einfache (also nicht zusammengesetzte oder abgeleitete) deutsche Wort mit 8 aufeinanderfolgenden Konsonanten.

Dass das Wort russischer Herkunft ist, erfährt man im Wörterverzeichnis selbst; Lautung und Schreibung weisen es noch als Fremdwort aus. Die Buchstabenfolge »schtsch« kommt im Duden insgesamt nur dreimal vor, nämlich noch im Eigennamen Chruschtschow sowie in Towarischtsch – beide aus dem Russischen.

Aber wie viele Konsonanten (Laute/Phoneme) folgen hier tatsächlich aufeinander? Die Buchstabenkombination »sch« ist für die deutsche Schreibung typisch und steht für einen (Zisch-)Laut. Es sind im Deutschen also 4 Konsonanten, für deren Repräsentation in der deutschen Schreibung 8 Buchstaben (nur das »r« ist in diesem Fall ein »Konsonantenbuchstabe«) verwendet werden.

Laute und Buchstaben

Laute und Buchstaben lassen sich in einer Buchstabenschrift nie eins zu eins zuordnen, auch im Deutschen nicht. Wie unterschiedlich Laut-Buchstaben-Beziehungen gestaltet sein können, zeigt für das Beispiel aber auch ein Vergleich mit den Sprachen, in denen die Kohlsuppe zu Hause ist. [3]

Laute und Buchstaben in verschiedenen Sprachen

Laute und Buchstaben in verschiedenen Sprachen

Die rot markierte Lautverbindung ist für das Russische und andere slawische Sprachen charakteristisch, daher kennt das kyrillische Alphabet (das eigentlich азбука heißt) einen Buchstaben dafür: Der Schtscha genannte Buchstabe gibt die Verbindung von 2 Zischlauten in der Schreibung wieder.

Sprachen, die das lateinische Alphabet nutzen, finden andere Lösungen, die das Zeicheninventar und die Laut-Buchstaben-Beziehungen der jeweiligen Sprache nutzen. Das Litauische kennt verschiedene Grapheme für Zischlaute, die zusammengesetzt werden. Ebenso das Polnische: »sz« und »cz« sind feste Buchstabenkombinationen (Grapheme) für einen Zischlaut bzw. eine Lautverbindung, die kombiniert werden; diese Verbindung aus 4 Buchstaben ist in der polnischen Schreibung recht häufig (z. B. Szczecin, dt. Stettin).

Auch wenn der r-Laut (Zungen-R bzw. Zäpfchen-R) und die Zischlaute (palatalisiert bzw. nicht palatalisiert) in den Sprachen unterschiedlich realisiert werden, bleibt die Zahl der angenommenen Laute (fast) gleich. Die deutsche Schreibung benötigt nur deutlich mehr Buchstaben, um den fremden Lautstand wiederzugeben.

Laut-Buchstaben-Suppe

Die aus der Tradition der Schulgrammatik des 18. und 19. Jahrhunderts hervorgegangenen Regeldarstellungen für die deutsche Rechtschreibung, die im 20. Jahrhundert fortgeschrieben wurden, krankten bis zur Reform unter anderem an genau dieser fehlenden Unterscheidung zwischen Schreibung und Lautung.

Während die Linguistik als Wissenschaftsdisziplin sich auf die gesprochene Sprache beschränkte, stellte die Schulgrammatik die Zusammenhänge oft sogar auf den Kopf und räumte der Schreibung das Primat ein. Deshalb wird dann von der Zahl der Buchstaben auf die Zahl der Laute geschlossen und es werden hier 8 Konsonanten (Laute) angenommen, weil 8 Buchstaben geschrieben werden. Zu den positiven Veränderungen, die die Reform der Rechtschreibung brachte, gehört sicher, dass die Schriftlinguistik in den 20 Jahren Vorbereitungszeit weiterentwickelt wurde und Einfluss auf die Formulierung der Regeln nahm.

Die sehr verspätete öffentliche Diskussion um die reformierte Rechtschreibung drehte sich vor allem um veränderte Regeln oder Einzelschreibungen. Die Chance, Lehrbücher für die Rechtschreibung nun auch (oder vor allem) fachwissenschaftlich und didaktisch zu aktualisieren, wurde in vielen Fällen nicht genutzt. Nach wie vor findet man in Rechtschreibmaterialien für die Schule Abschnitte, in denen es um die »Verdopplung von Konsonanten« geht, um die »Dehnung und Schärfung von Vokalen in der Schreibung« und ähnlichen Unsinn, der seit Generationen mitgeschleppt wird und das Verständnis für die Rechtschreibung unnötig erschwert.

Im Regelteil des Dudens werden die Laut-Buchstaben-Beziehungen nicht ausführlich dargestellt, da erwachsene SchreiberInnen bei Zweifelsfällen in diesem Bereich eher das Wörterverzeichnis nutzen. Als fachliche Basis für die Zusammenstellung oder Überarbeitung von didaktischen Materialen ist daher der amtliche Text [4] mit der systematischen Darstellung der Laut-Buchstaben-Beziehungen besser geeignet, um schwer verdauliche Laut-Buchstaben-Suppe zu vermeiden.

PS: Im Duden 1, Abschnitt »Sprache in Zahlen« (Seite 140–142) werden leider konsequent Buchstaben gezählt, wenn es um »aufeinanderfolgende Vokale« und »aufeinanderfolgende Konsonanten« geht. Wie viele aufeinanderfolgende Vokale zählen Sie zum Beispiel in armeeeigen, Lotterieeinnehmer, Prärieauster, Niveauunterschied, Schneeeule, Seeaal?

PPS (August 2017): In Duden 1, 27. Auflage, Berlin 2017 (Seite 154/155) ist die Darstellung so fortgeschrieben.


Quellen:

[1] Abbildung: Ukrainischer Borschtsch. Autor: Kagor. Ukrainischsprachige Wikipedia, Lizenz CC-BY-SA-3.0, via Wikimedia Commons.

[2] Duden 1. Die deutsche Rechtschreibung. 26. Auflage, Berlin u. a. 2013, Seite 142.

[3] Liste der Zeichen des Internationalen Phonetischen Alphabets (IPA): http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_IPA-Zeichen [15.08.2013].

[4] Das amtliche Regelwerk der Rechtschreibung – Regeln und Wörterverzeichnis (PDF).


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Über Marion Kümmel

Marion Kümmel ist freie Lektorin und Federwerkerin. Seit 2001 übernimmt sie Textdienstleistungen für Publikumsverlage, Agenturen, Firmen und Autoren. Sie redigiert Sachbücher und Fachtexte, wissenschaftliche Veröffentlichungen sowie Texte aus Unternehmenskommunikation und Werbung. Ihre Texterfahrungen vermittelt sie in Vorträgen und Schulungen.

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Kommentare

  1. Michael Müller meint:

    Liebe Frau Kümmel,
    da Sie mir zu einem anderen Thema eine große Hilfe waren (siehe meine Antwort von gerade eben), habe ich mal ein wenig herumgeklickt und da ich ein Leckerschmecker bin, stolperte ich über Ihren Borschtsch-Beitrag. Und dann über die Tabelle mit den unterschiedlichen Sprachen und dann …
    Ja mei, jede Sprache endet auf „isch“ nur bei meiner Muttersprache fehlt das „i“. Gedanken habe ich mir darüber noch nie gemacht, aber jetzt weiß ich auch, woher bei den Migranten oftmals das „Deutschisch“ herkommt. Nur verstehen tue ich das nicht.
    Können Sie das erklären?

  2. Hallo, Herr Müller,

    die Ableitungssilbe -(i)sch bezeichnet eine Zugehörigkeit und kommt in Sprachbezeichnungen häufig vor: russisch (zur Kiewer Rus/dem Kiewer Reich gehörig). Das Adjektiv deutsch wird zurückgeführt auf das althochdeutsche diutisk (von ahd. diota [Volk] abgeleitet mit -isc [nhd. -isch]), das über mittelhochdeutsch diut(i)sch zum neuhochdeutschen deutsch wurde. Das i fiel also schon im Mittelhochdeutschen einer Kürzung zum Opfer.

    In historischen Wörterbüchern finden Sie Details:

    Grimms Wörterbuch: http://tinyurl.com/ya7kcg2s
    Herkunftswörterbuch von Wahrig: http://www.wissen.de/wortherkunft/deutsch
    Pfeifer (unter Etymologie): https://www.dwds.de/wb/deutsch

  3. Michael Müller meint:

    Hallo, Frau Kümmel,

    ein paar Tage zu spät kommt mein dickes Dankeschön für die Erklärung. Hätte ich ja vielleicht auch googeln können, aber bei so etwas gibt es dort so viele Seiten wie Meinungen! Und da ich jetzt die Erfahrung gemacht habe, wie tiefschürfend Sie etwas erklären, habe ich gerne Ihr Wissen angezapft. Herzlichen Dank dafür.
    Übrigens scheinen also die Migranten mit ihrem „Deutschisch“ gar nicht mal so falsch zu liegen…
    Das meine ich keinesfalls abfällig, denn wenn ich daran denke, was unsereins oft im Ausland von sich gibt, dann sollten wir endlich anerkennen, wie Migranten sich innerhalb kürzester Zeit in unserer Muttersprache verständlich machen können! Vielleicht nicht alle aber wer deren Vorgeschichte kennt, sollte mal sich, seine Eltern oder Großeltern fragen, wie das denn damals ab 45 so war.
    Aber bevor ich noch weiter ins Detail gehe, werde ich das Thema besser abschließen. Und Ihre Seite werde ich gerne weiter empfehlen.
    Nochmals mit ganz großem Dank
    Michael Müller

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